Ostfriesland galt es zu entdecken. Die herbe Schönheit dieser Landschaft, ihre zurückhaltende Strahlkraft erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Aber dem, der sich darauf einlässt, kann sie in wenigen Tagen ans Herz wachsen. Das erfuhren 32 Mitglieder und Freunde der Arbeiterwohlfahrt Merkstein während ihrer 12tägigen Reise nachhaltig und intensiv. Stationiert war die Gruppe im Hotel Auerhahn am Ottermeer in der kleinen Stadt Wiesmoor, die 2006 ihr hundertjähriges Bestehen feierte.

Unsere Reisegruppe besichtigte auch eine AWO-Einrichtung in Wiesmoor.

 

Fehnkanäle

Bis weit ins 19. Jahrhundert war das heutige Stadtgebiet nahezu unbesiedelt, Moor und Sumpf. Schon vor der Besiedlung war die Firma Siemens vor Ort, die mit einem Torfkraftwerk zur Stromgewinnung die mühevolle Arbeit der Torfstecher in industrielle Nutzung überführte, später die Nordwestdeutschen Kraftwerke AG. Ein Netzwerk von Fehnkanälen, Entwässerungsgräben (Fehn = Moor) entstand. Schließlich musste das Material per Schiene zum Kraftwerk befördert werden, auf dem größten Fehnbahnnetz Deutschlands. Bis 1964 lieferte das Kraftwerk Strom für ganz Nordwestdeutschland.

 

Beschaulich schön: das Ottermeer in Wiesmoor.

 

Im Torf- und Siedlungsmuseum tauchten die Gäste in das Leben der ersten Kolonisten ein, konnten sich in den Häusern mit historischer Einrichtung in einer Schule um 1900 umsehen und im Außengelände die ersten Maschinen zum Torfabbau betrachten.

Blumenbeete

Ab 1925 nutzte man die Abwärme aus dem Kraftwerk zum Gemüseanbau. Gewächshäuser für Gurken, Tomaten, Kohlrabi und Champions mit einer Gesamtfläche von 80 000 Quadratmetern entstanden. „Kaufen Sie zwei Gurken, gewiss kommt eine aus Wiesmoor“, war ein bekannter Werbespruch. 1965 wurde der Gemüseanbau aufgegeben und der Betrieb auf Gärtnerei umgestellt. Das war die Geburtsstunde von Wiesmoor als der „Blüte Ostfrieslands“ 1969 wurde die Blumenhalle errichtet, eine prachtvolle Anlage mit ständig wechselnder Bepflanzung von Blumenbeeten, heimischen und exotischen Gewächsen, Infostationen, Wasserlauf und Wasserspielen. Zusammen mit dem großen, schön gestalteten Landschaftspark, dem Torf- und Siedlungsmuseum und dem benachbarten Minigolfplatz mit ausgefallenen Hindernissen hat sich Wiesmoor hier eine außergewöhnliche touristische Infrastruktur geschaffen. Auch der Blumenschmuck im ganzen Ort fällt ins Auge.

In der Blumenhalle von Wiesmoor lohnt sich ein Besuch.

 

Empfang

Liebevoll empfangen wurden die Merksteiner von der Arbeiterwohlfahrt Wiesmoor. Und das gleich zweimal. Zunächst wurden die Gäste im kleinen aber feinen AWO-Seniorenheim geführt. Die Pflegedienstleiterin, die Mitarbeiterin der Verwaltung und der Einrichtungsleiter präsentierten gemeinsam ihr Haus und wendeten sich gleichzeitig immer wieder den Bewohnern zu mit freundlichen Erklärungen, „was die fremden Besucher hier tun.“ Eine wohltuende Atmosphäre, geprägt von guten interaktiven Beziehungen. Der Leiter, der ursprünglich aus Süddeutschland kommt, scheint sich in Ostfriesland wohlzufühlen, hat er doch die Verantwortung für zwei benachbarte Einrichtungen. Im gemütlichen Brückenhaus am Fehnkanal stand fast der gesamte Vorstand des AWO-Ortsvereins zum Empfang der Merksteiner Freunde bereit. „Mir ist es wichtig“, sagte Horst Herberg, „dass wir bei unseren Reisen auch Mitglieder unseres Sozialverbandes kennenlernen.“ In der Tat spürte man, wie gut es ist, der großen Familie der Arbeiterwohlfahrt anzugehören.

Teetafel

Bei einer zünftigen ostfriesischen Teetafel erzählte der Vorsitzende Hermann Schreiber, ehemaliger Gemeindedirektor von Wiesmoor, von der erstaunlichen Wandlungsfähigkeit seiner Stadt in den gut 100 Jahren ihres Bestehens. In jüngster Zeit hat man auch die Blumenzucht aufgegeben. Import ist billiger. Lediglich blühende Topfpflanzen werden noch gezüchtet.

Bei den Freunden des AWO-Ortsvereins Wiesmoor gab es eine zünftige Teetafel.

 

Die meisten Treibhäuser stehen bis auf wenige leer, werden nach und nach abgerissen. Wieder gilt es, sich umzustellen. Eine große zusammenhängende Treibhausfläche – eventuell ein Strukturplus? – muss einer neuen Nutzung zugeführt werden. – Gewerbeansiedlung? Wohnbebauung? – Selten gewinnen die Merksteiner AWO-Freunde bei ihren Reisen so konkret Einblick in die Lebensumstände einer Region. Der AWO vor Ort sei auch dafür gedankt.

Grüne Gurke

Eine Fahrt mit der Grünen Gurke durch Wiesmoor verstärkte noch dieses Erlebnis. Was aufgrund des Titels einen großen Spaß vermuten ließ, entpuppte sich schnell als interessante und qualifizierte Informationstour durch die Gemarkung.

Torfabbau in Wiesmoor.

 

Immer wieder Fehnkanäle, mit klarem Wasser oder einem grünen Wasserlinsen-Teppich. Weiße Brücken in niederländischem Stil garantieren Nachbarschaft. Gepflegte Vorgärten mit kunstvoll beschnittenem Gehölz wetteifern miteinander. Rhododondron-Hecken von hierzulande  unbekanntem Ausmaß. Die Blütezeit, Anfang Juni leider schon vorbei, muss berauschend sein. Außerhalb der Besiedlung fuhr die „Grüne Gurke“ durch den aktuellen großflächigen Torfabbau, offenbar immer noch von wirtschaftlicher Bedeutung. Aber auch die unmittelbar anschließende Rekultivierung war zu beobachten.

Kleinstädte

Die Tagesfahrten während er Woche zeigten Ostfriesland mit seinen individuell geprägten Kleinstädten und seiner faszinierenden Landschaft aus vielseitiger Perspektive. Von wegen plattes Land! Bis zum weit entfernten Horizont ging der Blick, stets unterbrochen von kleinen und größeren Baumreihen bis hin zu imposanten Alleen mitten im Feld oder kleinen Wäldchen, eine einmalig schöne, abwechslungsreiche Struktur. Gepflegte Bauernhöfe mit ihren großen, zur Straße hin langgezogenen Dächern. Bilder einer Landschaft, die im Gedächtnis bleiben.

Meyer-Werft

Einen Kontrapunkt setzte die Besichtigung der Meyer-Werft in Papenburg. Seit der Gründung 1795 Familienunternehmen in siebter Generation, ist die Meyer-Werft heute Synonym für die riesigen Kreuzfahrtschiffe und die damit verbundenen Probleme. Interessant zu hören: „Der Trend geht langsam in andere Richtung.“ Besonders ältere Menschen wollen kleinere überschaubare Weltmeer-Erlebnisse. Und: Meyer baut das erste gasgetriebene Kreuzfahrtschiff. Dennoch: Mit Blick in die Halle, die nur ein Drittel des im Bau befindlichen Riesen fasst, kann man sich der technischen Faszination kaum entziehen.

Ein Teil eines Kreuzfahrtschiffes auf dem Gelände der Meyer-Werft.

 

Für das beschauliche Papenburg und seine Umgebung ist die Meyer-Werft, 3400 Mitarbeiter, der größte Arbeitgeber. Der mehrere km lange Fehnkanal, historische Segelschiffe, von der Lehrwerkstatt der Meyer-Werft originalgetreu nachgebaut, alte Ziehbrücken und eine stattliche Lindenallee zu beiden Seiten prägen das Stadtbild; zugleich eine lebendige Einkaufsmeile.

Jever-Bier

Einigermaßen hektisch ging es bei der Besichtigung der Jever-Brauerei zu. Kein Wunder, wenn man gesehen hat, wie sich hier die Besuchergruppen die Klinke in die Hand geben. Allerdings gab das Brauerei-Museum mit seinen alten Gerätschaften einen interessanten Einblick in die Braukunst vor hundert Jahren.

Schön war der Bummel durch die kleinen Gassen der Altstadt von Jever mit ihren vielen guten Geschäften. Hier scheint Marke Internet noch nicht alles zu beherrschen. Jever wird auch Marienstadt genannt, zurückweisend auf Fräulein Maria, die letzte Regentin von Jever. Während ihrer Herrschaft erhielt Jever 1536 die Stadtrechte. Das Schloss zu Jever, eine vierflügelige Anlage mit mächtigem Bergfried, trägt noch die Handschrift von Fräulein Maria, die Umbauten im Stil der Renaissance durchführen ließ. Der wunderschöne Schlosspark wurde erst 1838 im Stil der englischen Landschaftsgärten angelegt.

Seehafenstadt Emden

Ganz anders der Eindruck von Emden, der größten Stadt in Ostfriesland mit gut 50000 Einwohnern. Die Seehafenstadt hat vieles zu bieten. Reisegäste meinten spontan: „Wir kommen wieder.“ Am Tag unseres Besuches starteten gerade die Emder Matjestage. Die gesamte Innenstadt hatte eine Kirmes aufgebaut. Das störte ein wenig den Blick auf den Markt, nicht aber den Blick auf den Ratsdelft, den alten Binnenhafen mit drei zu besichtigenden Museumsschiffen und das imposante Rathaus im Renaissancestil.

Seehafentor in Emden.

 

Vom Ratsdelft aus startete die AWO-Gruppe zu einer ausgedehnten Grachtenfahrt. Abseits vom Kirmestrubel war es ein besonderes Vergnügen, dank guter Lautsprecher-Informationen die Stadt vom Wasser her kennen zu lernen. Malerische Ufer, zahlreiche Brücken, unterschiedliche Stadtteile und – ein seltenes Erlebnis – die Fahrt durch die Kesselschleuse, wo vier Flussläufe kreuzen und die immer noch von Hand gesteuert wird, eine technische Meisterleistung aus dem späten 19. Jahrhundert.

Friesische Freiheit

Ostfriesland entdecken heißt: reizvolle kleine Städte auf kurzen Wegen kennen lernen, jede mit individuellem Charakter, eingebettet in eine einmalig schöne Landschaft. Der Himmel über Norddeutschland scheint höher zu sein als anderswo. Oder ist es das Selbstbewusstsein der freien Friesen, das dem Gast ein Wohlbefinden vermittelt? Die große Zeit der Friesischen Freiheit und ihrer Häuptlinge, die bis ins 15. Jahrhundert keinem Fürsten unterstanden, ist noch heute spürbar.

Eine Rundfahrt führte von Wiesmoor über Norden, Greetsiel, Aurich, zurück nach Wiesmoor. Norden, das 2005 seinen 750. Geburtstag feierte, empfängt den Gast am Gr0ßen Markt mit einem Baumbestand von zum Teil 250 Jahre alten Bäumen, der Ludgerikirche von 1235 und repräsentativen Bürgerhäusern aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

Die romanisch-gotische Ludgerikirche, die größte in Ostfriesland, besticht mit ihrer ursprünglichen Einrichtung – Türen an allen Bänken und Galerie – wertvoller Einrichtung und der berühmten Orgel von Arp Schnitger. Eine Besonderheit ist auch der mächtige freistehende Glockenturm auf der anderen Straßenseite, der selbst wie eine Kirche anmutet.

Greetsiel

Nächstes Highlight: Touristenmagnet Greetsiel. Das alte Fischerdorf an der Leybucht, 1450 Einwohner, sieht in der Sommerzeit ein Vielfaches an Touristen, die sich durch die schmalen Gassen drängen. Dennoch hat der malerische Ort sein Gesicht bewahrt, lockt mit kleinen Läden, guter Gastronomie, freundlicher, unaufgeregter Bedienung; letzteres nahezu an jedem Ort in diesem schönen Landstrich. Greetsiel hat unverwechselbares Flair und Geschichte. Krabbenkutter liegen im Hafen, denkmalgeschützte Gebäude sind zu bewundern: das alte Rentmeisterhaus, das Wohnhaus der mächtigen Häuptlingsfamilie Cirksena, die alte Backsteinkirche mit freisehendem Glockenturm, die Zwillingsmühlen – ein harmonisches Gesamtbild.  

Ein hübsche Ausflugsörtchen Greetsiel

 

Schlusspunkt an diesem Ausflugstag war die Kreisstadt Aurich, mit 42000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Ostfrieslands. Aurich war im Lauf der Jahrhunderte Residenz der ostfriesischen Fürsten, Sitz der preußischen und Hannoverschen Verwaltung, infolge dessen typische Beamtenstadt und hat auch heute noch wichtige Behörden, darunter Bundes- und Landesbehörden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte nach und nach Industrie angesiedelt werden. Inzwischen ist Enercon, Hersteller von Windenergieanlagen, mit 2800 Beschäftigten der größte private Arbeitgeber der Stadt. Mittelpunkt der Fußgängerzone ist der große Marktplatz mit der gläsernen Markthalle. Hier steht seit 1990 der immer noch umstrittene Sous-Turm, ein Werk des Würselener Künstlers Albert Sous, aus Edelstahl, 25 Meter hoch.

Meeresluft

Abschluss der erlebnisreichen Fahrt war ein Tag am Meer. Ziel: Wilhelmshaven. Die Stadt am Jadebusen punktet mit ihrem interessanten Hafen. Wichtigster deutscher Umschlagshafen für Rohöl, Raffinerien, petrochemische Industrie und dennoch touristisch interessant.

Wilhelmshaven ist Standort der Marine. Vor allem der Südstrand ist ein lohnendes Ziel. Die Industrieanlagen sind weit weg. Auf der schönen Promenade lässt sich herrlich flanieren, und auf engstem Raum findet man interessante Museen: das Deutsche Marinemuseum und ein großes Freigelände mit Liegeplätzen von bedeutenden historischen Schiffen. U-Boote und der Lenkwaffenzerstörer Mölders liegen hier. Gegenüber dem Marinemuseum das Besucherzentrum Weltkulturerbe Wattenmeer. Hier lernt man spielerisch alles über die Bedeutung des Wattenmeers. Blickfang ist das 14 Meter lange Sklett eines Pottwals. und schließlich von der Dachterrasse ein Herrlicher Rundblick über die Nordsee.

Vollbepackt mit vielseitigen neuen Eindrücken und wiederum schönen Gemeinschaftserlebnissen kamen die AWO-Freunde nach Hause