Eine Gruppe der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Merkstein hatte Gelegenheit, das Kinderheim St. Hermann-Josef „von innen“ kennenzulernen und wurde von Rosi Sommer, Leiterin der Einrichtung, liebevoll empfangen. Einen kurzen Informationsbesuch hatte Vorsitzender Horst Herberg angekündigt. Es wurde weit mehr: Eine spannende Begegnung, in der sowohl die wechselvolle Geschichte des Hauses – 2018 feierte man das Hundertjährige - wie auch die heutige Struktur und Arbeitsweise wie ein Film abliefen.

Zeitgemäß: Der Neubau an der Bungartzstraße in Merkstein.

1918 rief der damalige Pfarrer Bungartz Missionsschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu von Hiltrup nach St. Willibrord in Merkstein, zur Betreuung der Frauen in der Munitionsfabrik und bald auch von Waisenkindern und sozial schwachen Familien. Die in der Not nach dem Ersten Weltkrieg unvorstellbar schwierigen Anfänge ließ Rosi Sommer Revue passieren.

Aber auch: „Die Missionsschwestern hatten über den heimischen Tellerrand hinaus ihren Blick geschärft.“ Sie gründeten das Kinderheim, in unmittelbarer Nachbarschaft den Kindergarten St. Willibrord, übernahmen die häusliche Krankenpflege, Aufgaben in der Pfarrkirche und waren über Jahrzehnte aus dem Straßenbild und dem Leben in Alt-Merkstein nicht mehr wegzudenken.

Rosi Sommer: „Kinder gingen mit kleinen Blessuren lieber ins Kinderheim als nach Hause. Von der Schwester „verpflastert“, konnten sie draußen weiterspielen.“ Sie verstand es auch, die Vorstellung von Erziehung und Betreuung auf der Folie der historischen Umstände gerecht zu beurteilen.

Drei Pavillions

1960, die Not nach dem Zweiten Weltkrieg war gerade überwunden, reifte die Erkenntnis, dass man Kinder und Jugendliche nicht mehr in Schlafsälen unterbringen konnte. Drei Pavillons für je 20 Bewohner wurden neu errichtet. Heute hat das Heim vier Gruppen zu je neun altersgemischten Mitgliedern; 36 Plätze im Alter von 6 bis 21 Jahren.

Eine entscheidende Veränderung, aber durchaus keinen Bruch, erlebte das Kinderheim St. Hermann-Josef, als der Orden sich 2009 aufgrund von Nachwuchsmangel zurückziehen musste und zum ersten Mal eine weltliche Leitung gesucht wurde. Für die Pfarre St. Willibrord stand fest: Wir geben das Haus nicht auf. Die seit seiner Gründung enge Verzahnung mit Alt-Merkstein und seinen Menschen, die von den Missionsschwestern über Jahrzehnte gepflegte Kontinuität war Garant für die Zukunft.

Seit 2009 ist Rosi Sommer nun die Seele des Hauses. Die AWO-Gäste erlebten fasziniert, mit wieviel Empathie, Warmherzigkeit, aber auch zupackenden Realismus und profundem pädagogischen Gespür sie an ihre Aufgabe geht. „Hier werden Kinder und Jugendliche auf ein selbständiges Leben vorbereitet“, heißt es im Leitbild. Feste Wohngruppenteams begleiten die Kinder und Jugendlichen.

Kinder- und Jugendparlament

Ein Kinder-und Jugendparlament ist eingerichtet, in das jede Wohngruppe zwei Mitglieder entsendet. Selbständig müssen sie ihre Sitzungen vorbereiten. „Ein wichtiger Beitrag zur Demokratie-Erziehung“, weiß Rosi Sommer.

Aber auch der Kontakt mit der eigenen Familie wird regelmäßig gepflegt. Bei Schwierigkeiten gibt es begleitende Besuchskontakte. Freunde dürfen ins Heim kommen und umgekehrt. Die Wohngruppen organisieren alljährlich ihren Urlaub. Dazu kommen die unzähligen Alltagssorgen.

Schule, Krankheit, und ständig ist jemand da, der sich kümmert. Außerdem seien viele ihrer Kinder in den verschiedensten Vereinen aktiv Aber auch hier muss, wie überall im Arbeitsleben, Schichtdienst organisiert werden. Wie flexibel ein so offenes lebensnahes System sein muss, kann man nur ahnen.

Starkes Netzwerk

Nicht ohne Stolz weist Rosi Sommer darauf hin, dass man auf ein großes Netzwerk mit unterschiedlichen Kooperationspartnern bauen könne. So konnte man sich auch einer neuen Herausforderung stellen, als im Jahre 2015 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Merkstein kamen. Eine Wohnung wurde angemietet, betreutes Wohnen organisiert. Das funktioniert bis heute. Die jungen Männer, inzwischen volljährig, machen ihren Weg, in Schule oder Ausbildung.